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Erinnerungen an die eigene Seminarzeit bieten "Insidern" reichlich Stoff für manche Plauderstunde. Teils heitere, teils tragikomische Begebenheiten ließen sich zum Besten geben. Aus der Distanz heraus verklärt sich hoffentlich auch die eine oder andere nachhaltig schmerzhafte Erfahrung mit dem Seminar, oder kommt sogar ein wenig Verständnis auf für Direktoren und Präfekten, deren Aufgabe nie eine leichte war. Zum einen legte ihnen die früher fest umrissene und oft restriktive Seminarordnung einen Panzer an, so daß ihr Bemühen, jungen Menschen mit gerechter Strenge ebenso wie mit verständnisvoll väterlicher Güte zu begegnen, auf eine harte Probe gestellt wurde. Zum anderen konnte und wollte man es sich "leisten", schon beim Aufnahmeverfahren wählerisch zu sein und auf Grundsätzen zu beharren, wie ein Einzelbeispiel aus dem Jahr 1956 zeigt. Da fragt der erste Direktor an, ob ein unehelicher Bub, dessen Mutter "civil getraut" ist, für das Seminar geeignet ist. Der Generalvikar löst das Problem auf "elegante Weise": Der Bub "zeige wenig Eifer bei der Schulmesse"! Dieser Hinweis erübrigte eine weitere Diskussion über das eigentliche Problem, denn die kirchenamtliche Erwartung gegenüber den sog. "kleinen Seminarien" war, daß sie dem "großen S." - dem Priesterseminar - möglichst viele Kandidaten zuliefern.  Dies  stellte sich  auch vom äußeren Erscheinungsbild der Seminaristen her der Öffentlichkeit so dar; die Zöglinge hatten außerhalb des Hauses entsprechend quasiklerikale Kleidung zu tragen, einen schwarzen Frack nämlich und eben Halbzylinder, weshalb sie der Volksmund kurzerhand "Schafe des Bischofs" nannte. Daß aber auch in besten Seminarzeiten beileibe nicht alle den Priesterberuf anstrebten, geschweige denn erreichten, hegt auf der Hand und läßt unschwer auf erhebliche Schwierigkeiten schließen, die zwangsläufig auftreten, wenn sich junge Menschen in ein Schema gepreßt und auf ein fremdgesteuertes Ziel festgelegt fühlen. Mit autoritären Methoden war dieses Dilemma auch nie zu lösen; noch dazu stand bis in die letzten Jahre herein das Verhältnis Erzieher - Seminaristen zahlenmäßig in einem krassen Mißverhältnis: 1 Direktor und 1 Präfekt für bis zu 100 und noch mehr Seminaristen - wahrlich eine Überforderung für die beiden, und mögen sie noch so charismatische erzieherische Fähigkeiten gehabt haben. Schließlich hat auch die jeweilige örtliche Umgebung stets ein interessiertes Auge auf das Seminar geworfen;es erfreute sich gewiß vielfältiger Unterstützung und großen Wohlwollens seitens der Öffentlichkeit, bekam aber genauso vorwurfsvoll zu hören, wenn Seminaristen über die Stränge geschlagen hatten.

 

Als einer, der mittlerweile ein volles Vierteljahrhundert Seminarerfahrungen (als Seminarist, Alumnus, Hilfspräfekt und Direktor) auf dem Buckel hat, möchte ich weder anklagen noch verteidigen, sondern wenigstens schlaglichtartig die Seminarrealität aufzeigen und damit vor allem dem Seminar selbst und allen, die sich darum und darin abgemüht haben, ein angesichts oft schwierigster Umstände erstaunliches Durchhaltevermögen bescheinigen.

 

Einige Auszüge aus aktenkundigen Briefen zur Zeit des Seminars Sankt Joseph (vom ehemaligen Präfekten Ludwig Edmaier im Archiv des Bistums Passau gesichtet und zusammengestellt) zeugen vom Erziehungsstil "damals" und mögen "Altmännern" heute beweisen, daß sie es bei allem Ärger mit Direktor und Präfekten so schlecht nicht getroffen hatten im Seminar Sankt Altmann.

 

In relativ kurzen Zeitabständen hatte der Regens (= Seminardirektor) dem Bischof bzw. dem Bischöflichen Ordinariat einen detaillierten Bericht zu Entwicklungen im Seminar vorzulegen. Die vorrangige Sorge galt zunächst den Noten und Zeugnissen, aber auch disziplinare Probleme kamen zur Sprache:"Vor etwa vier Wochen sprach der gehorsamst Unterzeichnete in dem letzten Brief die Befürchtung aus, es möchte das Jahr ziemlich viel Repetenten bringen. Die Befürchtung bestätigt sich, Gott sei Dank, nicht, und zwar infolge der milden Schlußzensuren an der Anstalt. Voraussichtlich werden zwei Zöglinge repetieren müssen..." "Die Studienzeugnisse fielen sehr befriedigend aus. Nur drei Zöglinge erhielten einen Vermerk, durchgefallen ist keiner. Die Führung der Zöglinge war im allgemeinen auch gut. Gegen die Größeren mußte einigemal eingeschritten werden wegen Kartenspielens, ein Zögling erhielt einen Karzer wegen Ungehorsams, zwei mußten entlassen werden ..."

 

Mit Entlassungen von "Zöglingen" ging man nicht sparsam um; die Anlässe und Gründe dafür verwundern heutzutage freilich sehr. Immerhin mußte der Regens im Fall des Falles beim Bischöflichen Ordinariat einen Entlassungsantrag stellen und diesen ausführlichst begründen.

 

"Der ehrfurchtsvollst Unterzeichnete beehrt sich, an das Hochwürdigste Bischöfliche Ordinariat die gehorsamste Bitte zu richten, den Zögling A. H. entlassen zu wollen. A. H. wollte in einen für die II. Klasse bestimmten Kirchenstuhl gehen. Auf die ganz harmlose Bemerkung eines Zöglings "hierher gehöre er nicht", verabreichte er ohne weiteres demselben eine kräftige Ohrfeige mitten in der Kirche. Wenn auch diese unqualifizierte Handlungsweise des H. vielleicht weniger irreligiösem Sinn entsprang als vielmehr einer unberechenbaren Gereiztheit, so bitte ich dringend, schon mit Rücksicht auf das gegebene Ärgernis, H. entlassen zu wollen."

 

"Während nun sein übriges Verhalten im ganzen entsprach, hat Sch. bei dem Ausflug der der 9. und 8. Klasse gewährt wurde, im Übermaß getrunken, so zwar, daß sein darauffolgendes Verhalten am selben Abend auffiel. Nach unmaßgeblichster Ansicht des ehrerbietigsten Unterzeichneten scheint der Vorfall zu genügen, um für Sch. die Entlassung zu beantragen."

 

"Der im rubr. Betreff genannte Zögling verfügt über ein solches Maß von religiöser Gleichgültigkeit, daß er sich nicht scheute, vor den übrigen Zöglingen am Freitag Fleisch zu essen. Gewissenhafte Leute verständigten hievon die Vorstandschaft. Ich stelle an das Hochwürdigste Bischöfliche Ordinariat die ehrfurchtsvollste Bitte, den Zögling F. G. alsbald entlassen zu wollen"

 

Nicht jeder "Zögling" war wohl aus freien Stücken im Seminar; was lag also näher, als selbst ein wenig "nachzuhelfen", um die ersehnte Freiheit "draußen" schneller zu erlangen.

 

"Am Feste Maria Lichtmeß gingen die Zöglinge unmittelbar nach dem Mittagstisch spazieren (Eislauf); deshalb wurde dem Oberklassisten J. R. von gehorsamst Gefertigten nicht erlaubt, zum Klavierspielen zu Hause zu bleiben, obgleich derselbe sonst an den Samstagen von 1-2 Uhr das Klavier benützen durfte. R. begehrte daraufhin eine andere Stunde für seine Klavierübungen. Da auf dieses Begehren als zwecklos und dem Ärger entstammend nicht eingegangen wurde, erklärte R., bei den sonntäglichen Abendunterhaltungen nicht mehr das Klavier spielen zu wollen. Für diesen Trotz wurde ihm das Klavierspielen überhaupt untersagt. Gestern erklärte nun R. seinen Austritt aus dem Seminar, und heute hat er es verlassen. R. hat schon lange eine Gelegenheit gesucht, halbwegs in Ehren aus dem Seminar austreten zu können. Die Jahreszeugnisse drücken schon seit 4 Jahren die Befürchtung, ja Überzeugung aus, daß R. kein Priester werde. Aber derselbe hat sich im allgemeinen legal verhalten, weshalb ein besonderer Anlaß zu seiner Entlassung nicht gegeben war."

 

Im April 1904 wurde der "Zögling" M. G. wegen hartnäckigen Leugnens seiner unsittlichen Reden entlassen. Der Betroffene selbst und auch sein Vater A. G. richteten daraufhin ein Bittschreiben an den Bischof - und hatten Erfolg. Hier der Brief des Sohnes:

 

"Hoch würdigster Herr Bischof! Schwer habe ich gefehlt, ich habe Gott den Herrn beleidigt, in meinem Leichtsinne wußte ich nicht, was ich tat. Ich verspreche hiermit dem Hoch würdigsten Herrn Bischof feierlich, von nun an wieder gottesfürchtig und brav zu sein und fleißig zu beten. Auch will ich wie bisher recht lernen, und meinen Vorgesetzten und meinen Eltern Freude zu bereiten suchen. Ich bin ß keiner Gnade würdig aber Ew. Bischöfliche Gnaden haben doch vielleicht wegen meiner Eltern Erbarmen und nehmen mich wieder im bischöflichen Seminar auf."

 

Und der positive Bescheid des damaligen Generalvikars Alteneder lautete: "Dem Herrn A. G. ... wird hiermit erwidert, daß oberhirtlicherseits hiermit gestattet wird, daß sein Sohn M. G, Schüler der IV. Klasse des Gymnasiums Burghausen mit Anfang des II. Semesters 1904 ins bezeichnete Seminar wieder eintrete, jedoch unter der Bedingung daß er sich einer strengen Strafe im Seminar zu unterziehen habe."

 

Die Entlassung aus dem Seminar bedeutete für manchen einen schweren Schlag, die weitere Schullaufbahn war in Frage gestellt oder mußte gar abgebrochen werden, weil es keine ähnlich kostengünstige (teils sogar kostenlose) Alternative zur Seminarunterbringung gab. Ein Glück, wenn in solchen Fällen der Heimatpfarrer und andere "gute Leute" mit Rat und Tat zur Seite standen!

 

"Im rubr. Betreff wurde auf heute der Vater des Zöglings J. G. vorgeladen und demselben der Bischöfliche Ordinariatsbeschluß durch Vorlesen bekannt gegeben. Der Vater war ganz constemiert, weil ersieh einen solchen Schlag nicht erwartet hatte und weil er die Mittel, seinen Sohn noch weiterstudieren zu lassen, nicht aufzutreiben im Stande würde. Das untertänigst gehorsamste Pfarramt bedeutete ihm, er möge sich die Sache wohl überlegen und schauen, ob er nicht mit Hilfe guter Leute den Sohn bis zur Erlangung des Absolutoriums weiter studieren lassen könne. Derselbe wird dies versuchen, wie er andeutete. M. L., Pfr."

 

Die an sich natürliche Angelegenheit, daß junge Burschen eines Tages an Mädchen Gefallen, und umgekehrt letztere auch Seminaristen begehrenswert finden, war im Seminar öfter ein Problem und auch Entlassungsgrund. Schnell aber ist "die Mücke zum Elefanten gemacht" (wie das Beispiel zeigt), und so schlimm waren die Seminaristen auch wieder nicht, daß man ihnen "alles in die Schuhe schieben" konnte. Erneut war es der Pfarrer, der die eigentlichen Hintergründe der "Affäre" aufklären konnte:

 

"Hochwerteste Herren! Aus Antrieb muß ich Inen zu wissen machen, daß der Kandidat N. St. in Burghausen nicht bloß mit den Mägten im Hause, sondern auch mit anderen Frauens-Personen ziemlich Umgang hält. Hochwerteste Herren! Wenn ich es nicht wissen würde, so könnte ich es nicht sagen, den ich habe selbst schon Karten gesehen, die Ihn von Frauens-Personen zugeschickt waren und solche daran zu sehen sind. Ich weiß es von solchen Personen, die er aufs äusserste getrieben hat. Dies bestätiggt die Pfarrei P."

 

Auf Rückfrage antwortete der Pfarrer von P.: "Nebigen Betreffs erlaube ich mir ergebenst zu berichten, daß die über den Zögling N. St. gemachten Anschuldigungen auf Bosheit und Rachsucht beruhen. Der Schreiber des betr. Briefes ist P. W. ... z.Z. Dienstknecht in G. bei P.. Nach langem Leugnen hat er heute schließlich ein Geständnis abgelegt und bedauert, daß er einen Unschuldigen, von dem er nicht das geringste Nachteilige weiß, aus Rache, weil er vom Kammerfenster der Dienstmagd bei St. vertrieben worden sei, ins Elend stürzen wollte."

 

Respekt schließlich ist den Seminaristen zu zollen, die von sich aus den Entschluß faßten, auszutreten, weil sie sich darüber klar geworden sind, daß der geistliche Beruf für sie nicht in Frage kommt. Wenn sie dennoch (wie im folgenden Brief) Ihre Dankbarkeit gegenüber dem Ordinariat zum Ausdruck bringen und versprechen, "als Laien ihre katholische Überzeugung hoch zu halten", unterstreicht dies die vielfältigen Verdienste des Seminars.

 

"Der gehorsamst Verzeichnete erlaubt sich dem hochwürdigsten bischöflichen Ordinariat Passau nach reiflicher Erwägung aller Gründe die ergebenste Mitteilung zu machen, daß er sich gezwungen sieht, seinen Austritt aus dem Seminar zu erklären, da er den Beruf zum geistlichen Stande in sich nicht fühlt. Er erachtet es als eine heilige Pflicht dem hochwürdigsten bischöflichen Ordinariat für die vielen und großen Wohltaten, die er während seiner Studienzeit im bischöflichen Seminar Burghausen genossen hat, seinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Der gehorsamst Verzeichnete gibt dem hochwürdigsten Ordinariat die Versicherung der empfangenen Wohltaten stets dankbar eingedenk zu bleiben und sobald er in der Lage sein wird, nach bestem Können Restitution zu leisten. Und wenn es untertänigst Verzeichneten auch nicht möglich war, dem Zweck des Seminars zu entsprechen, so verspricht er doch anderseits als Laie seine katholische Überzeugung hoch zu halten und für sie kraftvoll einzutreten. In aufrichtiger Dankbarkeit und in dem lebhaften Gefühl des Bedauerns zeichnet eines hochwürdigsten bischöflichen Ordinariat gehorsamst ergebenster A. K"

 

Seminarerziehung - ein Anachronismus? Es wäre unfair, die angeführten Anekdoten aus der Zeit zwischen 1890 und 1920 zum Kriterium unserer Antwort auf diese Frage zu machen. Wir müssen die Frage auch gar nicht beantworten. Eins jedenfalls ist deutlich geworden: Das Seminar ist bei aller

 

Strenge ernst genommen worden und war gefragt. Daß es im Jahr 1990 mangels Nachfrage schließen muß, ist beileibe nicht gleichbedeutend mit einer Bankrotterklärung der Seminarerziehung überhaupt. Es ist zu wünschen, daß unsere Kirche neue Wege der Begleitung junger Menschen findet - Wege, auf denen erfahrbar wird: Jesus Christus ist der Weg!

 

(Josef Stemplinger, Beobachtungen zur Schülerentwicklung im Bischöflichesn Studienseminar Sankt Altmann 1956 bis 1990, in: Bischöfliches Studienseminar St. Altmann Burghausen 1956-1990, 1990, 88-94)

Seminarerziehung