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Thomas Weggartner (1977-1986)

 

Von Herbst 1977 bis Som­mer 1986 war ich Semina­rist in St. Altmann. Es war eher ein Zufall, dass ich ins Seminar gekommen bin. Mein älterer Bruder sollte eigentlich aufs Gymnasium gehen. Unser Nachbar, der Mesner des Dorfes, kannte Hans Willeitner, den da­maligen Präfekten des Seminares. Dieser kam zu uns nach Hause, um meinen Bruder für das Seminar zu begeistern. Der war aber gar nicht von der Idee angetan. Nach diesem Besuch bekundete ich meinen Eltern mein Interesse für das Seminar. So kam ich — ein Jahr später — nach Burghausen. Mein Spitzname im Seminar war „Käptn ", weil ich am ersten Tag meiner Zeit in St. Alt­mann ein blaues Hemd mit dem Aufdruck „Captain" trug. Die „Altmanner" nennen mich heute noch so. Mit St. Altmann und mit der Stadt Burghausen ver­binde ich bis heute positive Gefühle. Ab und zu hole ich meine „Burghausen-Kiste"aus dem Keller und schau mir die alten Jahresberichte oder die Seminarzeitungen „Semischmarrn"und „Altmann-Express"an. Manches mag viel­leicht in der Erinnerung etwas glorifiziert sein, aber alles in allem waren es sehr schöne Jahre! Ich fühlte mich sehr schnell wohl und gut aufgehoben im Knabenseminar. Heimweh plagte mich zum Glück nur ganz selten. Wir durften anfangs alle zwei Wochen heimfahren — in den letzten Jahren dann jeden Freitag.  Ich konnte in St. Altmann viele Möglichkeiten nutzen, die ich in meinem Heimatdorf Ulbering nicht gehabt hät­te: Instrumentalunterricht, Theaterspiel, Einstudieren von kleinen Musicals, Ausflüge, Zeltlager sowie vielfälti­ge Freizeitmöglichkeiten (Fußball, Kicker, Tischtennis, Minigolf...). All das schätzte ich sehr. Dazu kam natürlich die tolle Stadt Burghausen. Ich durfte in St. Altmann interessanten und prägenden Persönlichkeiten begegnen: Die Direktoren Wakenhut und Stemplinger, die Präfekten/innen Jarosch, Onderka und Willeitner. Nicht zu vergessen: die Musikpräfekten Filchner und Eberl. Schön war im Seminar v. a. die große Gemeinschaft. Wir konnten schnell Freundschaften schließen — ver­brachten wir doch viel Zeit mit Gleichaltrigen. Ich erin­nere mich gern an nächtelange Gespräche in den Zim­mern meiner Klassenkameraden. So manche Freund­schaften haben sich aus dieser Zeit bis heute erhalten. Mit etwas Stolz blicke ich auf die letzten zwei Jahre in St. Alt­mann, denn da wurde ich zum Seminarsprecher auser­koren — „brav"'wie ich war. Aber ehrlich gesagt, waren wir nicht immer wirklich so brav. Immer wieder versuchten wir, die Leitung auszutricksen, um v. a. die Nachtruhe hinaus zu zögern. So manche stiegen des Nachts durch die Gitterfenster aus. Das hätte ich mich natürlich nie getraut — darum war meine Aufgabe das Schmiere-Stehen. Ich kann mich auch noch gut an eine nächtliche Geheimparty erinnern, bei der es aus dem Seminargarten geklaute Bee­ren gab — garniert mit Schlagsahne, geschlagen mit der Bohrmaschine mit Schleifaufsatz aus der Werkstatt. Was mich in St. Altmann besonders geprägt hat, war die begeisternde Art von Hans Willeitner. Sein Wohn­zimmer stand uns immer offen. Wir durften jederzeit kommen, in seinen Büchern schmökern und seinen Klas-sikschallplatten lauschen. Oft haben wir ganze Abende lang über Gott und die Welt diskutiert. Hans Willeitner ist für mich ein Vorbild — v. a. in der Entwicklung mei­nes Glaubens. Ganz besondere Erfahrungen waren dabei die jährlichen Radwallfahrten, z. B. nach Göttweig, Flüe-li, Taize, Assisi, die uns Radler auch noch nach unserer Seminarzeit jährlich zusammen geführt haben. Die reli­giöse Prägung des Hauses St. Altmann hat wohl einen großen Teil dazu beigetragen, dass mir der Glaube auch heute noch sehr wichtig ist und ich als Pastoralreferent im kirchlichen Dienst stehe. Es freut mich sehr, dass das Seminar St. Altmann durch das Haus der Begegnung Heilig Geist eine so po­sitive Fortführung erfahren darf. Ich für meinen Teil komme immer wieder gern in „mein St. Altmann"!

(Thomas Weggartner, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 73)

 

 

Alfred Danninger (1977-1987)

 

Seminar St. Altmann - Prägende Lebenszeit mit erfüll­tem pulsierendem Leben. Unmittelbar fällt mir zu meiner Seminarzeit ein, wel­che Vorfreude und gleichzeitig Angst ich vor dem neu­en Lebensschritt im Vorfeld hatte. Nicht zu wissen, was kommt, aber zu ahnen, das Leben verändert sich gravie­rend, waren Gefühle im Vorfeld, die sich dann auch be­wahrheitet haben. Am Anfang beeindruckten mich die undurchschau­baren Gänge, die große Anzahl der eng umgebenden neuen „Familienmitglieder". Mich begeisterten die von uns musikalisch ausgerichteten Gottesdienste (Gen Ros-so Messe) in Pfarrgemeinden, wo wir Seminaristen an­schließend in Gastfamilien „versteigert"wurden. Mich be­geisterte die große weite Welt, die sich plötzlich auftat. Allein der Schulweg durch die Grüben, die Ausein­andersetzung mit erst mal fremden gleichaltrigen Jungs aber auch mit einer ganz anderen Lebenswelt als zu Hause. Natürlich hat mich vieles in den Jahren des Se­minars geprägt. Alles aufzuzählen wäre uferlos. Das Prä-gendste für mich war die knallharte Herausforderung, dass jeder für sich in der Gemeinschaft der Seminaristen einen Platz erkämpfen musste, um bestehen zu können. Es herrschten Rangordnungen, die beachtet werden mus-sten, sonst hagelte es Prügel von Älteren (ungeniert). Und auch unter den Gleichaltrigen musste man seine Rolle finden. Dies führte dazu, dass ich für mich früh ei­ne gewisse Eigenständigkeit und damit Eigenverant­wordichkeil SU< heil musste und auch fand, mit der Kon­sequenz, für mich und andere Verantwortung zu über­nehmen. Dies war und ist für mich die Basis, ein selbst­bestimmtes Leben in Freiheit, wie dies auch unser der­zeitiger Bundespräsident Joachim Gauck postuliert, füh­ren zu können. Nach den ersten Jahren mit vielen Überforderungen, die nicht durch die Seminarleitung aufzufangen waren, habe ich das freie, eigenverantwortliche Leben in den hö­heren Klassen unglaublich genossen und für mich und meine Entwicklung genutzt. Ich erinnere mich wahnsin­nig gern an diese Jahre. Trotz der vielen schönen Mo­mente der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen denke ich, dass das Heranwachsen in einer halbwegs intakten Familie dem Heranwachsen in einem Internat vorzuziehen ist.

(Alfred Danninger, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 74)

 

Martin Zwislsperger (1982-1990)

 

Wenn ich an meine Seminarzeit denke, fällt mir un­mittelbar ein: „GuteZeiten — Schlechte Zeiten", Fußball, Theater, Trompete, Schafkopfen, Gutes Essen, Freunde fürs Leben, Lernen lernen. Geprägt hat mich in diesen Jahren und wichtig ist mir heute: Gemeinschaft/Kameradschaft, Durchsetzungs­vermögen/Stärke, Offenheit/auf Menschen zugehen, Glaube, Grundsätzlich: „Werte". Ich war unheimlich gern im Seminar bzw. ich denke gerne zurück an diese Zeit, die positiven Erinnerungen überwiegen bei Weitem. Schade ist, dass es das Seminar als solches nicht mehr gibt. Ein Teil meiner Kindheit/Ju­gend ist mit der Schließung des Seminars/dem Umbau irgendwie weg — zumindest physisch. Früher gab's für die Ehemaligen noch Nachtreffen — das fehlt irgendwie ... Ich würde meine Kinder niemals in ein Seminar geben, wo die Kinder zum Teil zwei Wochen von zu Hause weg sind bzw. nur am Wochenende nach Hause kommen. Ich habe mich in dieser Zeit sehr von meinem Elternhaus (von Eltern und Geschwistern) entfernt, und das möch­te ich bei meiner Familie nicht.

(Martin Zwieslsperger, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 74)

 

Johann Pöppel (1956-60)

 

Gerne erinnere ich mich noch zurück an meine Zeit im Seminar St. Altmann von 1956 bis 1960. Trotz des Altersunterschieds von Groß und Klein bildeten wir unter der verständnis­vollen väterlichen und brü­derlichen Leitung unserer damaligen Erzieher eine verschworene Seminarge­meinschaft, in der wir in der Zeit des Aufbaus für­einander eintraten, uns für­einander verantwortlich fühlten, in der aber auch Individualität und Freiheit nicht zu kurz kamen. Als geistigen und geistlichen und prägenden Mit­telpunkt unseres Seminars und unseres Seminarlebens möchte ich die altehrwürdige Seminar-Kirche, die Heilig-Geist-Kirche bezeichnen. In ihr begannen wir den Tag mit der Eucharistiefeier und in ihr beendeten wir den Tag mit dem Abendgebet. Von unserer Heilig-Geist-Kirche, die fest in unser Seminarleben einbezogen war — auch räumlich — gingen besinnliche Ruhe und Geborgenheit aus. Ihre Ausstattung und ihr Alter regten uns zu Ehrfurcht an und vermittelten uns etwas von der Beständigkeit und Zuverlässigkeit des christlichen Glaubens.

(Johann Pöppel, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 63)

 

Max Ballerstaller (1956-66)

 

Eigentlich sollte ich nach Passau ins Seminar kommen    und machte auch die Aufnahmeprüfung dort. Unterge-    bracht waren die Prüflinge damals im Seminar St. Max.       Nachmittags am ersten Prüfungstag war Pause im Hof. Ich erinnere mich noch an Fußball spielende Semina­risten. Ich, das unbedarfte Landei, zum ersten Mal weit weg von zu Hause, öffnete das Tor, das nach draußen in die Stadt führte, und ging ein paar Schritte hinaus. So­fort wurde ich von einem Präfekten zurückgeholt, der mich gewaltig zur Schnecke machte: einfühlen in kind­liches Denken war wohl nicht sein Ding. Jedenfalls war für mich ab da dieser Ort ein Unort. Deshalb war ich froh, zu erfahren, dass viel näher an meinem Heimatort in Burghausen ein Seminar seine Pforten öffnete. Schön war das Erlebnis der Gemeinschaft, Freund­schaften, die entstanden, einzelne fröhliche und positive Schwestern und Präfekten, und dass viel Sport getrieben wurde. Jedes Jahr sehnten wir den Augenblick herbei, wo's nach dem Winter wieder auf den Fußballplatz ging. Schön auch, dass die älteren Semester nach der „Kaf-fernzeit" mehr Freiheiten hatten, beim Ausgang z.B. Und wir freuten uns natürlich diebisch, dass die anderen Seminaristen) also die Kapuz" und die „Sales", nicht so viele Freiheiten hatten. Wir jedenfalls haben so heim Weinberger so manchen Nachmittag bei einem oder auch mehreren Bieren und „Hochburger Loabeln" verbracht, hochgradig stolz auf unseren Mut und unsere Aben­teuerlust. Schwierig war natürlich das Eingezwängtsein in Abläufe, und dass vieles, was jungen Menschen sonst möglich war oder an Erfahrungen zuwuchs, für uns nicht zugänglich war. Das relativiert sich freilich dadurch, dass ein Priesterseminar halt ein bestimmtes Ausbildungsziel verfolgte. Dankbar bin ich für die Erfahrung, zu lernen, wie man in einer Gemeinschaft miteinander gut auskommt, aber auch sich behauptet, und die Selbständigkeit, die einem abgefordert wurde. Nicht selbstverständlich war, dass man unter Erziehung nicht nur Latein und Griechisch verstand, sondern auch das Musische. Das Erleben von Konzerten, von Theater- und Opernaufführungen, das waren prägende Erfahrungen. Ja wir konnten sogar eine eigene Theatergruppe aufmachen und uns auf der haus­eigenen Bühne präsentieren. Rückblickend empfinde ich die Zeit im Seminar nicht als bedrückend. Trotzdem: Ich wäre auch gerne anders aufgewachsen als Jugendlicher. Aber wie sagt man in Bayern so schön: „Met, s'ishoitwiasis!"

(Max Ballerstaller, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 63-64)

 

Max Absmeier (1957-65)

 

Auf Empfehlung des Orts­pfarrers und auf Wunsch der Eltern trat ich im Sep­tember 1957 in das Bi­schöfliche Knabenseminar St. Altmann ein und aus freiem Entschluss im Juli 1965 vorzeitig wieder aus. Zwei Momentaufnahmen bleiben mir in besonderer Erinnerung: Mutterseelen­allein stehe ich am ersten Tag mit meinem Koffer vor dem hohen Spind im Trep­penhaus und beobachte die Ankunft der neuen und alten Seminaristen. — Ganz allein befinde ich mich acht Jahre später in den Osterferien wieder vor diesem Spind und packe meine Sachen in den Koffer. Zufällig trifft mich der damalige Seminarpräfekt bei dieser Räumaktion an und überredet mich, doch wenigstens bis zum Schuljahresende im Seminar zu bleiben. Mein Abschied vollzieht sich in gelöster Atmosphäre — ohne Wehmut, Ressentiments und Nachbehalte, aber im Bewusstsein möglicher Ge­fährdung durch „dogmatische" Schwierigkeiten, die der ei­gentlichen Bestimmung eines Seminaristen nicht förder­lich sind. Es war also ein erträgliches, manchmal span­nendes, auch aufregendes Leben in diesem Zeitraum. Fußball und Musik waren für mich die bevorzug­ten Vehikel zur Überbrückung der Zeit, die von ge­nauen Strukturvorgaben im Tagesablauf gekenn­zeichnet waren: notwendi­ge Strukturen für ein Haus, das für viele Jahre Lebens­raum bedeutete, und die das Zusammenleben in ihm regeln mussten, aber auch zugleich Not auslö­sende Strukturen, die permanente Nähe erzwangen, was ich besonders in der Stu­dierzeit so empfand, wenn die Köpfe um mich rauchten und ich schon deshalb nicht lernen wollte, sondern lieber mit dem Finger auf der Landkarte „das Weite suchte". Rückzugsmöglichkeiten gab es kaum. Es blieb nur der Rückzug auf sich selbst durch Aufbau einer gewissen Distanz. Permanente Aufsicht und Beobachtung unter­einander waren natürliche Konsequenzen. Einordnung und Anpassung wurden zu fragwürdigen Automatismen. Trotz aller Unzulänglichkeiten bin ich für die Erfah­rungen während meiner Seminarzeit dankbar. In St. Alt­mann bin ich weitgehend geworden, der ich bin, und ich bin meiner lieben Frau dankbar, dass sie mich so ange­nommen hat, wie ich bin: ein ehemaliger Seminarist, der in der Seminarkirche 1973 seine Hochzeit feiern durfte. So sind wir beide bis heute in diesem Hause verortet. Un­sere Kinder können sich diese Zeit damals nicht mehr vorstellen mit den langen Schulzeitperioden und den seltenen Heimfahrten. Aber ohne diese Voraussetzungen wäre der Schulbesuch eines Gymnasiums und die da­durch erworbene Bildung und spätere Lebensqualität für viele von uns nicht möglich gewesen. Meine doch im­mer wieder aufkommende Absicht, später Theologie zu studieren, mündete schließlich in mein Engagement im kirchlichen Ehrenamt. Wahrscheinlich hat die erlebte und geduldete perso­nale Nähe im Zusammenleben der Seminaristen auch meine Berufswahl beeinflusst, als ich mich für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, die Nähe unbedingt brauchen, entschied. In der Pension kann ich nun all die Tugenden pflegen, die systemimmanent waren, ohne dass ich sie damals in ihrer Bedeutung so wahrgenommen hätte: Gehen, Lesen, Schreiben, Lernen, Musizieren und Beten. Aus dem Seminar St. Altmann, dem Lebensraum für uns Seminaristen, ist in der Zwischenzeit ein „Haus der Be­gegnung" geworden. Es freut mich, dass das Haus wieder und noch „vom Geist erfüllt ist'' und dass der „Kairos" dort beizeiten Einzug halten darf. Ich wünsche uns allen diesen Kairos als rechten Au­genblick, hier und dort und überall, wohin uns ehema­lige Seminaristen der weilen- Lebensweg geführt hat.

(Max Absmeier, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 64)

 

Peter Schleindlsperger (1964-1972)

 

Für mich als Bauernbuben war es ein einschneidendes Ereignis, als ich 1964 auf's Gymnasium und ins Semi­nar St. Altmann gehen durfte, oder musste. Die bisheri­ge Welt mit Tieren, weiten Wiesen, Feldern und Wald musste ich verlassen. Ebenso die Geborgenheit in einer großen Familie, deren Leben hart und einfach war, in der ich mich aber gut aufgehoben und geborgen gefühlt hatte. In der Schule hatte ich mich leicht getan, wie man so sagte, und Lehrerin und Pfarrer brachten meine Eltern dazu, diesen Schritt für ihren Buben zu wagen, kein leichtes Unterfangen, denn es war ja auch ein finanziel­ler Kraftakt für eine kleine Bauernfamilie mit sieben Kindern. Der Ortspfarrer sah wohl einen zukünftigen Priester heranwachsen und so wurde das bischöfliche Seminar St. Altmann ausgesucht. Ein Internat war die einzige Lösung, es gab keine Busverbindungen zu einer Stadt mit Gymnasium. Ich trat in eine völlig neue, andere Welt ein, und die­ser Schritt war lange Zeit einfach nur schmerzlich. Heim­weh ohne Ende. Nach der Weite der Wiesen und Felder nun das Gefühl eingesperrt zu sein in Mauern und feste Zeitabläufe. Wenn alle vier Wochen einmal Heimfahr­sonntag war, dann wurde jede Sekunde daheim so un­glaublich kostbar, und ich lernte mein Zuhause und die Sorgen und Mühen meiner Eltern unendlich zu schätzen. Ich gewöhnte mich ein. Trotzdem waren der oft sehr militärische Umgangston, der genau abgegrenzte und ge­nau einzuhaltende Zeitrahmen für Messe, Frühstück, Schule, Essen, Studierzeit, Spaziergang oder Sport, Stu­dierzeit, Essen und noch einmal Studierzeit oft nur schwer zu akzeptieren und provozierten, vor allem in oberen Klassen, manchen Ausbruchsversuch. Einer ist mir dabei in besonderer Erinnerung geblieben. Wir spiel­ten in den Heimatvereinen Fußball. Dazu sind wir im­mer wieder auch einmal am Sonntagnachmittag, per Anhalter heimlich zu einem Fußballspiel gefahren. Das Auto, das uns eines Tages mitnahm, war das des Bi­schofs, der von der Firmung nach Passau zurück gefah­ren wurde. Er hat sich nett mit uns unterhalten, und wir haben Blut und Wasser geschwitzt, denn was wäre, wenn er rausbekommen würde, dass wir gerade auf dem bischöflichen Seminar ausgebrochen sind und er uns grad dabei hilft. Das Leben im Seminar bot auch große Chancen: Im Sommer fast jeden Tag eine Stunde Fußball. Musik. Theaterspiel im neu errichteten Theatersaal. Dabei mus-sten gelegentlich wohl oder übel - so sah es wohl die Se­minarleitung - auch einmal Mädchen mitspielen, und ich war der Theatergatte einer KuMax Schülerin, die ich später lieben lernen und heiraten sollte. Was ich dem Se­minar nicht alles verdanke! Ich habe gute Freunde ken­nengelernt, zu einigen besteht noch heute eine gute Be­ziehung, auch einige beeindruckende Menschen, die das Seminar leiteten. In der 12. Klasse haben wir dann - wir waren nur noch zu viert in unserem Jahrgang — beschlossen, dass es Zeit ist, auf eigenen Füßen zu stehen, Zeit, das viel zu eng gewordene Haus, die vielen starren Regeln und un­serer Meinung nach veralteten Ansichten zu verlassen. Wir haben uns alle kleine Zimmer genommen und das letzte Jahr am Gymnasium als „Stadtschüler" verbracht. Die Zeit im Seminar war vorbei. Aber die Erfahrungen aus der Seminarzeit haben mich noch lange intensiv be­gleitet. Aus meiner anfänglichen Oppositionshaltung al­lem gegenüber, was nach Religion aussah, hat sich Inter­esse entwickelt. Ich habe neben Sport noch Theologie studiert und verschüttet geglaubte Welten neu entdeckt. Vielleicht wurde ja der Same dafür im Seminar gelegt? Ich habe auch das Haus Hl. Geist neu entdeckt. Nach dem Umbau und der neuen Ausrichtung habe ich ein­mal mit meiner Frau an einem Tanzwochenende teilge­nommen. Wieder in diesem Haus zu übernachten, das war schon eigenartig und doch befreiend, wie der Geist, der im neu entdeckten Haus Hl. Geist eingezogen war. Dieses Haus zieht mich seitdem wieder sehr stark an. Ich erlebe Achtsamkeit, Offenheit, Wertschätzung, Suche nach dem richtigen Weg, interessante und liebe Men­schen, und tiefes Gottvertrauen: Es tut gut, immer wie­der einmal im Haus zu sein!

(Peter Schleindlsperger, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 66)

 

Dionys Asenkerschbaumer (1965-1975)

 

Als ich im Frühjahr dieses Jahres daran ging, doku­mentarische Fotos für das vorliegende Buch an den Originalschauplätzen zu machen, da war mir schnell klar: Eine Doku­mentation eines alten Hau­ses zu erstellen, hat es in sich: Allenthalben stößt man auf die Vergangen­heit, auch auf die eigene, vor allem, wenn man wie ich viele Jahre seiner Kindheit und Jugend dort ver­bracht hat. Da entdecke ich neben den Blumentöpfen eine was-sergefullte Aluminiumkanne, aus der wir früher den „See­grastee" in unsere dickwandigen, weißen Tassen schütte­ten. Da finde ich in einer Abstellkammer alte Studiersaal-Stühle im Buchenholzdesign, grau, matt, mit faltigem Furnier, aufgesprungenem Lack und hellen Wasserfle­cken. Sitzmöbel im Bauhausdesign, die noch heute als „Frankfurter Stuhl" bei Manufactum angeboten werden. Im Dachboden stehen noch alte „Pulte" herum, Schreib­tische, an denen wir „studierten". An den Schmalseiten noch die Löcher der Reißnägel, mit denen wir unsere Tischfußballtore beim „Zickeln " markierten. Von 1965 bis 1975 war ich Altmann-Seminarist, ein Jahr länger als üblich, da ich in der 10. Klasse eine „Eh­renrunde" drehen durfte. Mein Lern-Ehrgeiz bestand damals einzig darin, möglichst ohne Aufwand über die Runden zu kommen - was dann eines Tages schiefging, als ich monatelang gesundheitlich angeschlagen war.

Aber ich möchte von vorne beginnen: Eigentlich hat­te ich in der Oberrealschule Burghausen, dem heutigen Aventinus-Gymnasium, meine Aufnahmeprüfung ge­macht und, worüber ich mich noch heute wundere, so­gar bestanden. Denn die Matheaufgaben halten mich völ­lig überfordert, Dreisatzrechnen war an meiner Volksschule in Kastl noch nicht vorgekommen, Vermutlich hatten mich Heimatkunde, Aufsatz und Religionslehre gerettet. Als Fahrschüler sollte ich von zu Hause aus ei­ne naturwissenschaftlich orientierte höhere Schule besu­chen. Aber ehe ich mich versah, hatte mich Pfarrer Lunglhofer einfach im Seminar St. Altmann angemeldet, und, ob ich wollte oder nicht, ich musste ab September 1965 das humanistisch altsprachliche Kurfürst-Maximilian-Gymnasium besuchen. Wenn ich schon als einziger Bub aus der 4. Klasse auf eine höhere Schule gehen durfte, dann sollte ich wenigstens Pfarrer werden — so zumindest der Plan, der auch meiner Mutter ganz gut gefiel. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Se­minartag: Abendessen im Speisesaal mit 100 mir fremden Menschen, bis auf den Braun Seppi: er, ein Nachbarsbub von zu Hause, sitzt an meinem Tisch und kennt sich schon gut aus, weil er die erste Klasse wiederholt. Ein selt­samer, mir unbekannter Geruch nach Essen liegt in der Luft, zu sechst sitzen wir an einem resopalbeschichteten Tisch. Nach der Suppe, die in einer Schüssel aus Alumi­nium aufgetragen wird, gibt es Semmelschmarrn mit Kürbiskompott. Die Küchenschwester hat anscheinend Zucker- und Salzfass verwechselt, einige Tischgenossen bringen das Essen nicht hinunter, weinen, der Präfekt kommt vom „Herrentisch " herunter und tröstet ... Im Seminar ist manches anders als zu Hause. Bald weiß ich, der Semmelschmarrn heißt „ Wüstensand", wie überhaupt vieles einen anderen Namen hat als gewohnt. Das Brot nennt man „Barras", das Dörrobst-Kompott „Gasolin", die Schnitzel „Elefantenwaschel". Die geba-ckene Milzwurst firmiert unter „Montezuma", wohl in Anlehnung an die Rache des Aztekenkönigs, der nicht nur die Conquistadores ab und an mit Diarrhö strafte. An die „Panzerplatten", wie die Grießschnitten heißen, erinnere ich mich nicht mehr, umso mehr an die „ Wo­chenschau", die in der Regel samstags aufgetischt wird. Aber nicht nur die Nahrungsmittel haben ihre eigenen Bezeichnungen: die Neulinge der ersten, heute fünften Klasse werden mit dem eindeutig rassistisch belegten Begriff ,,Kaffern"bezeichnet. Wie stolz ist man nach dem ersten Schuljahr, kein „Kaffer" mehr zu sein.

Beim Eintritt ins Seminar winde in der Regel ein jeder umgetauft und bekam seinen Spitznamen. Da gibt's den „Spiegel-Max", der eigentlich Alois heißt, aber seinem Bruder Max wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Der Seppi wird zum „Charly", weil ein Lehrer mit demselben Namen aussieht wie Charly Chaplin. Der Hans heißt „Lupo", der Franz „Oal", der Josef „Bill" und der Anton „Bawe". Ich selber werde zum „Ase", ist ja auch kürzer als mein 16-buchstabiger Familienname. Ich erinnere mich an den Schwartl, den Pigi, den Slip­per, den Knolle und den Stan. Der ist mein Cousin und sieht wohl Stan Laurel ähnlich. Es gibt den Fiff, den Goofy, den Goaß, den Nick, den Giggerl, den Feg, den Gagge, den Fass, den Puschkin, den Rammbock, den Stenz, den Cis, den Ai und den Johnny, den Hubbe, den Lo, den Schlumpf und den Miga, obwohl der eigentlich der Max ist und es immer noch ist (oder auch nicht; denn wenn ich ihn heute mit seinem richtigen Vornamen Max anrede, fühlt er sich womöglich gar nicht angesprochen). Der Hans heißt Bruno, genau wie der damalige bayerische Innenminister, mit dem er den Familiennamen teilt. Aus dem Martin wird der Mare, aus dem Georg der Naz. Es gibt einen Wistler, einen Wams, zwei Büffets, zwei Löf­feln, den Hax, Jason, Jul, Seftl, Zapf und den Vof, ein „Gstoi"— Gestell —, einen Qualle, einen Bock, einen Uhu, einen Krautwurm und sogar ein „Fagge". Der „Bulle" hatte weniger mit der exekutiven Staatsgewalt zu tun, son­dern wurde antithetisch so getauft, weil er recht schmäch­tig war; immerhin ist er heute Staatsanwalt. Auch die Präfekten und Direktoren haben ihre Na­men: So ist der gestrenge Direktor Alois Doppelberger der „Jim ", der Musikpräfekt der „Soich " und sein Nach­folger der „Bozzi", benannt nach einem Film der 1960er-Jahre. Einen Präfekten taufen wir Gumo, den anderen Singerl, weil er jede Woche mit uns Singen übt. Der nächste heißt Jochen, ein weiterer Edi. Unsere Lehrer am „Kumax" smA der Ali, der Beudel, der Bello, der Buche, der Charly, der Cox, die Daschin, der Edi, der Geier, der Hansi, der James, der Moses, der Nisch, der Tschas, der Zick und die Miss, die Englisch unterrichtete, genau wie die Coxin. Die war ursprünglich die Fuxin, bis sie sich mittendrin mit dem Deutsch- und Turnlehrer verheira­tet, der seinen Spitznamen der Fernseserie „Gestatten, mein Name ist Cox" verdankt. Das mit der Umbenennung lag womöglich an der monastisch geprägten Pädagogik hinter den Mauern des Seminars. Schließlich erhalten Mönche und Nonnen in Klöstern ja auch neue Namen. Wie klösterlich die Er­ziehung im Bischöflichen Studienseminar geprägt war, verrät auch der Tagesablauf: 5:45 Uhr, Wecken. Eine schrille Glocke reißt einen aus den Träumen, von irgend­wo her vernimmt man den durchaus militärisch gefärb­ten Ruf: „Fenster auf." und „ Oberbetten zurückschlagen!". Schlaftrunken torkelt man zum Klo, dann zum Wasch­raum, zurück in den Schlafsaal, kleidet sich an, macht sein Bett. Um 6:15 Uhr Messe, danach bis 7:15 Uhr Morgenstudierzeit, anschließend Frühstück und dann ei­lenden Schrittes zum etwa einen Kilometer entfernten Gymnasium. Schulbeginn 7:50 Uhr, Ende 11:10, 11:55 oder 12:40 Uhr. Dann zurück ins Seminar, 13:00 Uhr Mittagessen, das mit einem gemeinsamen Tischgebet und einer Bibellesung beginnt. Danach Spaziergang, Fußball oder im Sommer Baden im Wöhrsee, hernach Studierzeit, Brotzeit, nochmal Studierzeit und eine Vier­telstunde „Geistliche Lesung". Die Studierzeiten, beauf­sichtigt von den Präfekten oder dem Direktor, der wäh­renddessen sein Breviergebet verrichtet, beginnen stets „fünf vor" mit einer „Praeparatio". Den Takt gibt die schrille Schulglocke bzw. Klingel, die vom „Vigilanzzimmer" aus von einem Präfekten bedient wird. 18 Uhr Abendessen, dann Freizeit und wieder Studier- oder Le­sezeit. 20:15 Uhr Abendgebet und dann Zubettgehen. Die älteren dürfen bis 22 Uhr aufbleiben. Wöchentlich werden wir geduscht, klassenweise treten wir am Samstagnachmittag im Brausebad an. Und es geht wieder eher militärisch zu. Jeder muss auf die Waa­ge, danach wird sein Gewicht in eine Liste eingetragen. Dass das Wiegen mehr der Kontrolle der Anwesenheit als der statistischen Erfassung körperlicher Entwicklung diente, war offensichtlich. Ich erinnere mich noch an ei­nen Mitschüler, der zum Erstaunen aller bereits in der 8. Klasse die 100-kg-Schallmauer erreichte. Das Duschen selber vollzieht sich in mehreren Phasen. Keusch in Ba­dehosen gekleidet wartet man mit Waschlappen, Seife und Shampoo, bis man in eine der acht Duschen gelangt. Der Direktor selber steht an der zentralen Mischbatterie und startet den Vorgang. Nach einer gewissen Duschzeit versiegt das Wasser, das stets ein wenig nach Kalk riecht. Sofort erklingt das Kommando: „Einseifen!", was durch den prüfenden Blick des Diensthabenden auch stets kon­trolliert wird. Sodann ergießt sich ein erneuter Schwall auf Haupt und Glieder. Der Duschvorgang endet mit einem jähen Temperaturwechsel des Duschwassers: Jeder muss eine abschließende kalte Dusche über sich ergehen lassen. Angeblich deswegen, weil kaltes Wasser Körperschweiß abmildert - und den gab es unter uns halbwüchsigen Bu­ben reichlich. Aber vielleicht auch deswegen, weil wir nicht zu „Warmduschern"erzogen werden sollten. Ich ha­be mir jedenfalls bis heute beibehalten, meine Dusche mit einem kalten Schlussschwall abzuschließen. Aus mir wurde dann letztlich doch kein Priester, wie sich das andere für mich ausgedacht hatten. Für den Zölibat war und bin ich nicht geschaffen. Aber immer­hin wurde die Kirche mein Brötchengeber, und ich muss gestehen, es geht mir ganz gut in meinem kirchlichen Be­ruf. Denn ich kann tun, was ich immer schon gerne tat, nämlich kreativ und kulturell tätig sein. Kritische Soli­darität, denke ich, heißt das „Zauberwort". Dass mich das Seminar in Burghausen geprägt hat, kann und will ich nicht leugnen. Ehemalige Seminaristen, sagt man, er­kenne man daran, dass sie unheimlich schnell essen. Außerdem würden sie nicht spazieren gehen, sondern Spazieren laufen. Beides habe ich mir seil meiner Altmannzeit nicht mehr abgewöhnt.

(Dionys Asenkerschbaumer, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 67-69)

 

Konrad Kammergruber (1967-1974)

 

Ein paar Anekdoten aus meiner Seminarzeit:Frühstück. Zum Frühstück wurden Getränk (Kaffee oder Tee) und Brot und ein Brotaufstrich (Margarine) ge­stellt. Das tatsächliche Frühstück orientierte sich dann an dem, was man von zu Hause mitbekommen hatte. War dies bei mir üblicherweise nur eine selbstgemachte Erd­beermarmelade, so hatten viele Bauernsöhne natürlich ih­re Salami oder Geselchtes dabei und mussten auch nicht mit Margarine vorlieb nehmen, sondern hatten gleich mehrere Stück Butter dabei. Dies hat natürlich den Neid der Anderen hervorgerufen, was sogar soweit führte, dass aus den jeweiligen persönlichen Fächern verschiedenes ge­klaut wurde. Für einen solchen Diebstahl wurde sogar ein­mal einer aus dem Seminar geworfen. Mittagessen. Beim Mittagessen im großen Speisesaal sa­ßen in einer Ecke auf erhöhtem Podest die Führungs­mannschaft des Seminars, Direktor und Präfekten. Von dort oben aus wurde der Saal gemaßregelt. Wenn es zu laut wurde, läutete unser Direktor Doppelberger, zunächst mit der Klingel und rief: „jetzt ist es aber bald ruhiger—sonst gibt es Stillschweigen!" Das hieß, dass dann kein Wort mehr gesprochen werden durfte. Dieser Aufruf war meist zwecklos, und der Direktor verkündete bald darauf: „jetzt ist Stillschweigen!" Wenn auch dies nichts fruchtete, verließ der Direktor seinen erhöhten Platz und ging durch die Rei­hen. Natürlich zischelten dann gerade die Großen hinter seinem Rücken weiter. Das Essen an sich war während der Woche eher sparsam; lediglich am Sonntag gab es zum Beispiel Schnitzel oder Hähnchen. Begonnen wur­de stets mit einer Suppe. Anschließend verteilten die Schwestern die Schüsseln mit dem Hauptgericht. Damit dann nicht ein Kampf um das beste Stück Fleisch oder die größte Wurst einsetzte, hatte an jedem Tag ein anderer das Recht, sich als Erster zu bedienen. Die Übrigen kamen dann reih­um dran. Am Sonntag gab es auch noch eine Nach­speise. Ich verkaufte sie oft an Freunde; üblicher „Marktpreis " waren damals fünfzig Pfennige. Postausteilen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen mussten sich alle Klassen um das Podest in der Ecke des Speisesaales versammeln, von wo aus der Direktor zunächst allgemeine Dinge des Ta­ges ansagte. Zum Abschluss verteilte er die Post. Jeder Briefempfänger wurde namentlich aufgerufen. Wer nichts erhalten hatte, sah neidisch zu und hörte neugie­rig, von wem denn die Post gekommen sei. Dies gab der Direktor gerne genüsslich bekannt: „Aha, schon wieder ei­ne kleine Karte von der Oma". Manchmal las er sogar et­was aus einer offenen Postkarte direkt vor. Von großer Bedeutung waren auch die regelmäßig eintreffenden „Fresspakete". Fußballspiel. In der organisierten Freizeit am Nachmit­tag war bei ordentlichem Wetter im Regelfall Fußball­spielen angesagt. Auf einem Gelände in der Nähe vom Wöhrsee befanden sich zwei Fußballplätze, der eine wur­de von den Kapuzinerseminaristen genutzt, der andere von uns Altmännern. Höhepunkte waren die alle paar Monate stattfindenden Klassenwettkämpfe zwischen den drei Seminaren der Stadt. Da die Klassenstärke in den er­sten Jahren immer weit über elf lag, musste eine harte Auslese getroffen werden. Die Seminarleitung hielt sich hierbei raus. Entscheidend waren die informellen Füh­rer der Klasse. Ich selber kam leider nur sehr selten in die Auswahl, da ich einfach fußballerisch zu schlecht war. Heimfahrten. In den ersten zwei Seminarjahren durften wir nur alle vier Wochen nach Hause fahren und das auch nur von Samstag nach der Schule bis Sonntagabend. Dazwischen gab es noch einen Besuchssonntag. Dann hol­ten uns die Eltern nach dem Mittagessen in der Emp­fangshalle ab. Wir machten mit ihnen einen Spaziergang (oft nach Österreich hinüber), kehrten bei einem Gast­haus ein und wurden dann zum Abendessen wieder ab­geliefert. Auch hier wirkten sich (zumindest unbewusst haben wir Kinder das alle bemerkt) schon die unter­schiedlichen sozialen Besitzstände der einzelnen Eltern­häuser aus: während die einen es sich nicht leisteten, nachmittags in ein Gasthaus zu gehen, fuhren andere so­gar mit dem Auto bis nach Hause ins Elternhaus, obwohl dies 25 km entfernt lag. Der Abschied nach so einer Be­gegnung war zwar immer eine Trennung, hat mich aber nicht so hart getroffen wie man vielleicht glauben könn­te. Daran ist sicher auch die gute Gemeinschaft mit vie­len gleichaltrigen Kindern im Internat schuld, auf die ich mich auch immer gefreut habe. Allerdings erzählen mei­ne Eltern heute noch, dass ich vor den Abfahrten immer relativ schweigsam auf dem Kanapee saß. Notenansagen. Damit der Leiter des Seminars informiert war über die schulischen Leistungen seiner Zöglinge, gab es unter Direktor Doppelberger noch in rhythmischen Abständen das sogenannte Notenansagen. Die Schüler mussten dann klassenweise in seinem Büro antreten. Dort wurde zunächst festgestellt, welche Fächer denn in­zwischen geprüft worden waren. Stand dies fest, gab der Direktor den Ablauf der Ansage bekannt: „Zuerst Latein Schulaufgabe, dann Deutsch Extemporale, dann Religion Schulaufgabe ..." Daraufhin musste nun jeder seine Er­folge oder Misserfolge ansagen. Solange die Noten pas­sabel waren, war Doppelberger guter Laune. Aber schon bei den ersten schlechteren Zensuren war es damit aus. Diese wurden nun entsprechend kommentiert und mah­nend mit den besseren Leistungen der anderen ver­glichen. Bei jenen, die entweder schlechtere Noten hat­ten oder später dran waren, stellte sich Lampenfieber ein. Kamen sie dann dran, konnte es schon passieren, dass sie die Reihenfolge der Ansage vertauschten. Dies führte erst recht zu zornigen Bemerkungen unseres Leiters. Inner­halb der Gruppe verloren sie zusätzlich an Wertschätzung: schließlich wurden sie für die schlechte Laune des Direktors verantwortlich gemacht. Fernsehen. Im Seminar war der Zugang zum Fernsehge­rät strikt geregelt. Es gab einen Aushang am schwarzen Brett mit dem aktuellen Fernsehprogramm der Woche und der Angabe, welche Sendung bis zu welcher Alters­stufe angesehen werden durfte. Wehe, wenn ein Schüler entdeckt wurde, der zusammen mit den Größeren vor der Glotze saß, obwohl seine eigene Klasse diesen Film gar nicht ansehen durfte. Der Fernsehraum (über dem The­atersaal) war stets abgesperrt. Um dennoch hineinzu­kommen stiegen wir samstagnachts um 22 Uhr, nachdem wir uns schon längere Zeit schlafend gestellt hatten, heim­lich über den Balkon auf das Flachdach des Nachbarge­bäudes und von dort über den stets offenen Noteingang in den Saal und von dort hoch zum Fernseher. Dies ging einige Male gut, bis natürlich auch diese Lücke entdeckt und unter heftigstem Donnern geschlossen wurde. Gruppendynamik. Wenn viele Kinder längere Zeit zu­sammen sind, wie in Internaten, führt dies zwangsläufig zu gruppenpsychologischen Effekten. Diese können grausam sein, auch und gerade unter Kindern, und ha­ben sicher einige von uns für ihr Leben geprägt. Wie in allen Gruppen, schälten sich auch bei uns natürlich in­formelle Meinungsführer, zu denen sich immer alle ger­ne gesellten. Wenn diese Gruppe jemanden auf dem Ki­cker hatte, war es um den geschehen. Er wurde gehänselt, verspottet und gequält. Weihnachtsgeschenke. Weihnachten naht, das heißt: Geschenke besorgen für die Eltern. Eigentlich ganz klar und einfach. Aber selbst dies war geregelt. Es war nicht so, dass einfach jeder Seminarist einkaufen konnte, was ihm gerade einfiel. Wäre ja auch schlecht möglich ge­wesen, bei den stark reglementierten Ausgangszeiten und dem geringen Taschengeld. So gaben also die Eltern vorab Herrn Direktor Doppelberger Geld für den Weihnachtseinkauf ihrer Kinder. Die Seminaristen durften sich diesen Betrag in einer speziell anberaumten Zeit nach dem Abendessen beim Chef abholen und mit ihm diskutieren, welche Ge­schenke sinnvoll wären. Adoratio. Einmal in der Woche gab es eine „Adora­tio": dies war die Anbe­tungszeit. Hierzu mussten wir uns nach dem Abend­essen in der Hauskapelle einfinden und dort unge­fähr eine halbe Stunde an­beten. Die Anwesenheit wurde allerdings nicht überwacht. Ich ging einmal unbeobachtet direkt nach dem Abendessen zum Tischtennisraum statt zur Adora­tio. Die Platten dort waren sehr begehrt und regelmäßig gab es nach dem Abendessen ein Wettrennen dorthin. Das gleiche „Gerenne" war natürlich nach der Adoratio zu beobachten. Zunächst fiel meine Abwesenheit nieman­dem auf. Bis dann die Sieger des Rennens nach der Ado­ratio im Tischtennisraum ankamen und sahen, dass sie nicht die ersten waren. Ich wurde verpetzt und erhielt da­für umgehend vom Chef Doppelberger die zustehende Ohrfeige.

Gottesdienste. Der verpflichtende tägliche Messgang war oft öde und langweilig. Dies änderte sich erst mit den jungen Präfekten, die aufgeschlossen für Neuerungen waren und z. B. auch „ rhythmische Musik " in die Gottes­dienste einführen. Dies war erst unter dem neuen Di­rektor Wakenhut möglich. Musikpräfekt „Bozzi" Filchner  koordinierte die musikalische Gestaltung. Er hatte dabei eine Gruppe von Instrumentalisten (Orgelspieler, Gitarristen, Querflötisten, Schlagzeuger) und Sänger zu­sammengebracht. Zu den Sängern gehörte auch ich. Vorgeführt wurde an wenigen Sonntagen. Höhepunkte waren Ausflüge in andere Gemeinden, bei denen wir den üblichen Gottesdienstalltag durch unsere erfrischenden Lieder auflockern durften. Bei einem solchen Gastspiel in Pleiskirchen war einmal jeder von uns nach der Messe bei einer anderen Familie zum Mittagessen eingeladen, was wir alle sehr genossen.

(Konrad Kammergruber, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 69-71)

 

Peter Stadlmann (1970-1976)

 

Meine Seminarzeit im St. Altmann war von der 5. bis zur 10. Klasse. Dann musste ich meine Schul­zeit am Kurfürst-Maximi­lian Gymnasium aufgrund meiner mangelnder Leis­tungen abbrechen. Ich denke noch gerne an meine Seminarzeit zu­rück und möchte ein paar spontane Erinnerungen/ Gedanken beifügen:

  • Der Geruch nach Zigarillos, wenn unser Herr Direk­tor Doppelberger durch die Gänge geschritten ist.

  • Die schrille Morgenglocke, die uns täglich aus dem Schlaf und aus den Federn holte.

  • Der Sprint nach dem Abendessen zum Fernsehraum, um einen guten Platz zu ergattern.

  • Das ungute Gefühl vor dem Notenansagen (Angabe der schulischen Leistungen beim Direktor)

  • Der verbotene Wirtshausbesuch in der „Post", um ei­ne Halbe Kobler-Weißbier zu genießen, wenn die sechste Stunde ausgefallen ist.

  • Meine Liebe zu den Bergen wurde vermutlich bei ei­ner Wanderwoche mit unserem Präfekten Herrn Lud­wig Edmaier auf einer Alm geweckt.

Das Seminarleben habe ich zwar als eine große Ge­meinschaft empfunden, aber als damals Zehnjähriger war man doch schon bald aus dem warmen Nest geris­sen und bei vielen Dingen auf sich alleine gestellt. Ich ha­be dadurch sicher früh Selbständigkeit erreicht. Dass ich heute noch viele Dinge alleine ohne Hilfe schaffen will und ich mich schwer tue, um die Unterstützung an­derer zu bitten, stammt vielleicht noch aus dieser Zeit. Ich war in der Vergangenheit schon einige Male wie­der im Haus und es ist immer wieder schön in den „al­ten " Mauern zu sein und die alten Gedanken und Ge­fühle hochkommen zu lassen.

(Peter Stadelmann, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 72)

 

Franz Fellner (1974-1980)

 

Wenn ich meine sechs Jahre in St. Altmann Revue pas­sieren lasse, denke ich vor allem daran, wie schwer es ei­nem Zehnjährigen fällt, seine gewohnte Umgebung, seine Heimat, seine Familie für jeweils zwei bis drei Wochen zu verlassen und nach Burghausen zu fahren. Da habe ich die eine oder andere Träne vergossen oder auch verdrückt. Über die Jahre hinweg haben die Mit­seminaristen die Familie nicht ersetzt, aber — ich möch­te sagen - ergänzt. Man hat sich kennengelernt und es sind besondere Beziehungen entstanden, gerade in einer Lebensphase, in der die persönliche Entwicklung am ra­santesten geschieht. Wenn ich in den letzten 30 Jahren bis heute ehemalige Seminaristen traf, dann merkte ich, wie schnell man sich meist wieder auf einer gemeinsa­men (Gesprächs-)Ebene wiederfindet, wie schnell man sich wieder nahe ist. Und das trifft nicht nur für den je­weiligen Jahrgang zu, sondern gilt über die ganze Band­breite derer, die man kennenlernen durfte, Altere wie Jüngere. Zurück zum Anfang: So gesehen habe ich nicht mei­ne Familie verloren, sondern eine ganze Reihe von „Ge­schwistern" dzzu bekommen. Meine besten Freunde heu­te kenne ich aus meiner Schulzeit im KuMax und aus dem Seminar.

(Franz Fellner, in: Heilig Geist Burghausen, Haus der Begegnung Heilig Geist 2012, 72)

 

Erinnerungen von ehemaligen Seminaristen

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